{"id":23,"date":"2014-11-17T15:21:16","date_gmt":"2014-11-17T13:21:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.ocwels.at\/?p=23"},"modified":"2014-11-17T15:30:16","modified_gmt":"2014-11-17T13:30:16","slug":"glocken-jugendzentren-bahntrassen-kinder-weichet-denn-ich-komme","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.ocwels.at\/?p=23","title":{"rendered":"Glocken, Jugendzentren, Bahntrassen, Kinder &#8211; weichet, denn ich komme!"},"content":{"rendered":"<p>Aktuell klagt ein Rechtsanwalt in Linz, weil ihn der Stundenschlag der Domglocken st\u00f6rt. Der Streitwert vor Gericht wird mit 20.000 Euro angegeben. Was die eigentlichen Gerichtskosten noch ausmachen werden, kann man nur erahnen &#8211; billig wirds auf jedenfall nicht.<\/p>\n<p>Immer wieder lesen wir in den Medien, wie sich einzelne Personen gegen, wie sie meinen, unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige L\u00e4rmbel\u00e4stigung zur Wehr setzen. Da werden dann alle m\u00f6glichen Gutachten beigebracht, die Dezibel &#8222;beweisen&#8220; das schwere Unrecht und das noch gr\u00f6\u00dfere Leiden der Betroffenen. Man m\u00f6chte fast glauben, die Kirche, so manche Jugendzentren, die \u00d6BB und letztlich sogar alle schreienden Kinder in den H\u00f6fen h\u00e4tten sich gegen jene armen Mitb\u00fcrger verschworen!<\/p>\n<p>Wie kann es nur sein, dass wir in unserem eh schon hektischen Alltag derart grausam von diesen L\u00e4rmproduzenten gequ\u00e4lt werden? Warum verbannt der Rechtsstaat nicht jene unb\u00e4ndig existierende St\u00f6rung des privaten Friedens?<\/p>\n<p>Ob es dem Leser schon aufgefallen ist? Nein &#8211; ich bin nicht dieser Meinung!<\/p>\n<p>Der Linzer Anwalt schimpft n\u00e4mlich \u00fcber Glocken, die schon seit 112 Jahren nichts anderes tun, als jeden Tag und zu jeder Stunde in derselben Lautst\u00e4rke zu schlagen. Er kann also gewiss nicht behaupten, er h\u00e4tte beim Kauf der Wohnung nicht gewusst, dass hier Glocken zu h\u00f6ren sind. Auch ist es sehr fragw\u00fcrdig, wenn er seine pers\u00f6nlichen Richtlinien der N\u00fctzlichkeit f\u00fcr jenes Glockenschlagen als verbindlich ansieht. Wie der Dompfarrer sehr richtig gesagt hat, hilft der Glockenschlag durchaus so manchem Menschen durch die Nacht. Wer an Schlaflosigkeit leidet, wer im Dunkeln Angst hat, wer einsam ist oder wer ganz einfach eine noch so abstrakte Form von N\u00e4he braucht, der empfindet jenen Glockenschlag als wohltuend. Ich selbst bin schon ein paar Mal mitten in der Nacht durch Linz marschiert und ich kann best\u00e4tigen, dass der Glockenschlag der Uhr auf eine seltsame Weise Sicherheit geschenkt hat und in mir ein Gef\u00fchl der Ordnung aufkommen lie\u00df.<\/p>\n<p>Der Anwalt bem\u00fchte schlie\u00dflich seine religi\u00f6se Gesinnung und stellte klar, dass es f\u00fcr Glocken keinerlei religi\u00f6se Grundlage g\u00e4be. Er habe als guter Christ nat\u00fcrlich zuerst schon zweimal mit dem Dompfarrer das Gespr\u00e4ch gesucht und hoffe doch sehr, dass die Sache in christlicher Weise ohne Gericht zu l\u00f6sen w\u00e4re. Dumm f\u00fcr ihn, dass der Pfarrgemeinderat so gar nicht seiner Meinung ist. Ganz abgesehen davon m\u00fcsste man sich nat\u00fcrlich fragen, wie sehr der Anwalt in Wahrheit am religi\u00f6sen Leben teil nimmt &#8211; nur weils im Reisepass steht, ist man noch lange kein aktiver Christ. Andererseits \u00fcberrascht diese Argumentation auch wieder nicht sonderlich: es werden doch st\u00e4ndig die Barmherzigkeit der Amtskirche und ein religi\u00f6ser Imperativ bem\u00fcht, wenn einzelne Personen die Kirche nach den eigenen W\u00fcnschen ausrichten m\u00f6chten.<\/p>\n<p><strong>Bei all diesen Versuchen bleibt es aber beim grunds\u00e4tzlichen Faktum: der Mann hat sich vor einigen Jahren wissend um den Glockschlag in der teuersten Lage von Linz ein Wohnung gekauft und regt sich jetzt pl\u00f6tzlich \u00fcber eine Ger\u00e4uschkulisse auf, die seit Jahrzehnten ein Gewohnheitsrecht hat &#8211; haben sollte.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe diesen groben Unsinn schon an vielen Orten erlebt und leider allzu oft erkennen m\u00fcssen, dass die \u00d6sterreichischen Richter jenem Unsinn nur zu gern Folge leisten. Nicht nur einmal wurde z.B. ein renommiertes und erfolgreiches Jugendzentrum oder ein Kindergarten geschlossen, weil gleich daneben eine Wohnsiedlung neu errichtet wurde und die Anrainer sich durch die alteingesessenen Nachbarn gest\u00f6rt f\u00fchlten. Auch so mancher Landwirt kann davon ein Lied singen &#8211; wie nicht zuletzt bei den Kuhglocken deutlich wurde. Denn die Kuhglocken auf der Weide waren sicher l\u00e4nger vorhanden, als die Neubauten, deren Bewohner die Kuhglocken bannen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Am deftigsten trieben es hier wohl die Anwohner der Bahntrassen. Ich muss gestehen, wenn ich mir diese Berichterstattungen ansehe, dann kocht in mir so manches Mal der Zorn hoch. Da gibt es also B\u00fcrger, die sich um billigste Preise die Grundst\u00fccke neben den Bahntrassen kaufen &#8211; denn teuer kann man solche Grundst\u00fccke eben wegen der Bahn ja gar nicht verkaufen. Und kaum stehen dort die ersten Wohnh\u00e4user, wird die Bahn auf L\u00e4rmschutzw\u00e4nde, Fl\u00fcstergleise und Tempobeschr\u00e4nkungen geklagt, damit die neuen Anwohner ja nicht gest\u00f6rt werden. Ja wo sind wir denn? Zuerst wollen diese Leute m\u00f6glichst billig an Grundst\u00fccke kommen, und kaum haben sie dort ein Haus gebaut, wollen sie, dass der Grund f\u00fcr das billige Grundst\u00fcck verbannt wird. Und die Richter machen all das brav mit. So gesehen m\u00fcsste man der Bahn empfehlen, blo\u00df nie wieder Trassengrundst\u00fccke zu verkaufen &#8211; denn die Folgekosten lassen jeden Gewinn dahin schmelzen.<\/p>\n<p>Besonders schlimm und f\u00fcr die Gesellschaft blamabel wird es, wenn B\u00fcrger erfolgreich die Kinder von den Strassen und Pl\u00e4tzen weg klagen k\u00f6nnen. Es ist ein Grundrecht von Kindern, sich frei zu entwickeln, Grenzen auszuloten und einfach zu spielen. Dass eben jene Kinder dabei nur selten leise sind, liegt in der Natur der Sache. Aber ebenso liegt es in der Natur der Sache, dass eben jene Kinder nur tags\u00fcber spielen und in der Nacht im Bett liegen. Wen also k\u00f6nnen jene Kinder durch ihr lautes Spielen st\u00f6ren? Oder finden es jene Erwachsenen einfach nur nervt\u00f6tend ein Kind blo\u00df zu h\u00f6ren? Man muss wirklich an unserer Gesellschaft zu zweifeln beginnen, wenn es Kinderg\u00e4rten gibt, die nachtr\u00e4glich mit einer meterhohen L\u00e4rmschutzmauer versehen werden mussten, damit die Nachbarn zu klagen aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wir leben scheinbar in einer Zeit, wo der einzelne seine Umgebung nur allzu gerne nach Ma\u00df gestaltet und seine Mitb\u00fcrger n\u00f6tigenfalls mithilfe der Gerichte in seine Bahnen zwingt. <em>Weshalb sollte ich mich dem Wohl der Gemeinschaft unterordnen, wenn sich die Gemeinschaft doch genauso leicht meinem eigenen Wohl unterordnen l\u00e4sst?<\/em><\/p>\n<p>Ich bin mir daher leider ziemlich sicher, dass die \u00d6sterreichischen Gerichte am Ende dem Rechtsanwalt beipflichten werden und die Stundenglocken verstummen. Denn es kann ja nicht sein, dass eine zur Tradition gewordene L\u00e4rmbelastung jenen Herren im Schlaf st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Es ist ein Gl\u00fcck f\u00fcr den Rechtsanwalt, dass wir im 21. Jahrhundert leben &#8211; denn vor drei\u00dfig Jahren noch w\u00e4re er selbst verklagt worden, weil seine Kanzleitippsen an den Schreibmaschinen seine Nachbarn gest\u00f6rt h\u00e4tten&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aktuell klagt ein Rechtsanwalt in Linz, weil ihn der Stundenschlag der Domglocken st\u00f6rt. Der Streitwert vor Gericht wird mit 20.000 Euro angegeben. Was die eigentlichen Gerichtskosten noch ausmachen werden, kann man nur erahnen &#8211; billig wirds auf jedenfall nicht. Immer wieder lesen wir in den Medien, wie sich einzelne Personen gegen, wie sie meinen, unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/blog.ocwels.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23"}],"collection":[{"href":"http:\/\/blog.ocwels.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/blog.ocwels.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ocwels.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ocwels.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/blog.ocwels.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29,"href":"http:\/\/blog.ocwels.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23\/revisions\/29"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/blog.ocwels.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ocwels.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ocwels.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}